Hamburg – bekloppte HVV Tarifzonen – Perle.

Die HVV Tarifzonen

Angeregt durch den wundervollen Artikel Verloren in der Tarif-Todeszone auf Spiegel online und die dort zahlreichen und wundervollen Kommentare schreibe ich endlich einen vor fünf Jahren begonnenen Artikel zu den HVV Tarifzonen zu Ende.

Es gibt tatsächlich Menschen, die über die Tarife in Hamburg schreiben:

„… Gerade Hamburg ist an Schlichtheit im Tarifsystem nicht zu überbieten. Wer damit Probleme hat, bekommt auch beim Bäcker Schwierigkeiten …“
Quelle: Kommentar #28

Da fiel mir fast das Ei aus der Hose. Was für ein sensationeller Irrglaube. Der eines ist klar. HVV und einfach? Ich glaube, es hackt!

Egal was man sich an den HVV Tarifzonen ansieht, es ist vollkommen unlogisch. Zum Aufwärmen ein Schmankerl, ein nettes, wirklich schön bescheuertes Beispiel: das Ticket „Stadt, 1,30 €„. Stadt klingt gut, aber das Ticket gilt nur außerhalb von Hamburg, außerhalb der Stadt. Da, wo es eben keine Stadt gibt sondern nur Dorf. Jep. Ich finde es auch unlogisch.

Der HVV ist der einzige Verkehrsverbund der Welt, der unsichtbare Tarifzonen hat.

Die unsichtbaren HVV Tarifzonen heißen hier Zahlgrenzen und sind in keiner einzigen Karte eingezeichnet. Die Zahlgrenzen (oder Zonengrenzen) stammen aus der Zeit der Tram (sagte jemand vom HVV) und sind für Maßgeblich für die Ticketpreise verantwortlich.

HVV Tarifzonen und Zahlgrenzen im inoffiziellen Plan
HVV Tarifzonen im inoffizieller Plan von nimmbus.de

Es gibt keine Karte, auf der diese den Fahrpreisbestimmenden Zahlgrenzen zu sehen sind. Angeblich (Quelle: Internet) gibt es beim HVV einen mehrere Quadratmeter großen, handgeschriebener Plan für die Buszahlgrenzen an einer Wand und dieser heilige Plan ist die Grundlage für alle ZahlZonenTicketTarif-Grenzen. Eine so bekloppte Vorstellung, dass sie wahrscheinlich schon wieder wahr ist.

Aber der Reihe nach. Ich beschreibe alles ohne Zeitkarten. Es geht nur um eine einfache Fahrt. Zum Vergleich zuerst die Situation in Berlin.

Ich möchte von A nach B in Berlin.

Es gibt in Berlin drei farblich klar unterscheidbare Zonen – A, B und C. Ein normaler Fahrschein für 2,30 € ist meistens ein AB-Fahrschein und gilt für eine Strecke innerhalb A-und-B. Wenn ich Glück habe, und es nur sechs Stationen Bus/Tram oder 3 Stationen U-S Bahn sind, reicht eine Kurzstrecke für 1,40 €.
In den offiziellen BVG Tarifbestimmungen liest sich das ähnlich. „… Sie gelten zwischen und innerhalb der auf ihnen angegebenen Flächenzonen.“. Wo AB (Flächenzone) drauf steht, kann man in A-und-B fahren. In Berlin kauft man am Automaten ein AB-Ticket. Passt fast immer. Einfache Sache, verstehe ich, versteht der Gast, versteht die Oma. Fertig.

In Hamburg ist das erheblich komplizierter und jetzt wird es schlimm. Wirklich schlimm. Es tut mir leid.

Es kann sein, dass ihr Kopf explodiert. Zumindest werden sie nach Lektüre dieses Artikels ein Ziehen im Nacken verspüren. Möglich, in Extremfällen, ist das Verlangen sich in Blumenerde zu baden, mit Waschmittel die Ohren zu putzen, stundenlang an Stuhlbeinen zu kauen oder nackt, nur mit Honig eingeschmiert auf dem Balkon zu stehen und finnische Volksweisen in Spiegelschrift zu singen.
Die jetzt folgende Unlogik ist grenzenlos. Sie wurden gewarnt.

Karte mit Teilbereichen der HVV Tarifzonen und Zahlgrenzen
Karte mit Teilbereichen der HVV Tarifzonen und Zahlgrenzen. Quelle: inoffizieller Plan von nimmbus.de

Ich möchte von A nach B in Hamburg

In Hamburg ist der Fahrkartenkauf eine Aufgabe, die sich in drei Teilprojekte gliedern lässt:

  1. Erforschen des Preisbereichs (ja, ein Bereich. Ein offenes, weites und komplexes Feld)
  2. Wahl einer Fahrkartenart (evtl mit Schnellbuszuschlag?)
  3. Kauf der Fahrkarte am Automaten (den richtigen Knopf finden, eine sportliche Aufgabe)

Teil 1. Erforschen des Fahrpreises.

Für die Höhe der Fahrpreise gelten in Hamburg:
1.1 der Bereich Innenstadt (Hamburg)
1.2 Tarifzonen
1.3 Zahlgrenzen, durch die alle Linien im Großbereich Hamburg und über die Großbereichsgrenze unterteilt sind
1.4 fünf Ringe, die um das Hamburger Stadtzentrum angeordnet sind, wobei die Ringe A und B den Großbereich Hamburg bilden.

Hamburg ist möglicherweise die einzige Stadt der Welt, in der ein Preis von einem Bereich, Tarifzonen,  Zahlgrenze und Ringen gleichzeitig bestimmt werden kann.

zu 1.1 Bereich „Innenstadt“.

Haben Sie noch nie gehört. Kennt niemand, denn er ist in keiner Karte eingezeichnet.
Angeblich können Sie im Bereich „Innenstadt“

  • eine Kurzstrecke Schnellbus für eine Fahrt im Bereich Innenstadt kaufen UND Umsteigen.
  • oder eine Kurzstrecke (ohne Schnellbus) für eine Fahrt bis zur ersten Zahlgrenze kaufen.
  • oder eine Fahrt im Bereich Innenstadt kaufen.

Äh. Ja.
Man erkennt die „Innenstadt“ daran, dass sie angeblich relativ groß ist, überall Touristen herumlaufen und sensationell nur in der Hamburger Innenstadt das Ticket „Kurzstrecke“ vom Hauptbahnhof bis Landungsbrücken gilt. Diese „Kurzstrecke“ ist immerhin über 4km lang und die Hälfte aller deutschen Kleinstädte (Köln, Mannheim, Frankfurt) passen in diesen „Kurzstreckenbereich“. Merkste was? Sehr gut.
Denn es geht weiter mit den Tarifzonen.

zu 1.2 HVV Tarifzonen

Falls Sie doch aus den 5 km Innenstadt raus müssen kommen evtl. die Tarifzonen ins Spiel. Warum auch immer. Achtung. Die Zonen sind nicht die Zahlgrenzen, die kommen noch. Tarifzonen haben dreistellige Nummern. 000 ist ein Teil der Innenstadt und wird umrundet, im Uhrzeigersinn von, 101, 101/103, 103/105, 105, 106 und 108. Was mit der 102, 104 und 107 passiert ist? Man weiß es nicht. Ganz Hamburg ist mit Zonen bedeckt. Ich wohne in Zone 204, oder 205. Diese Zonen bestimmen auch gar nicht meinen von A-nach-B Preis, sondern sind nur für Zeitkarten relevant. Warum? Ich weiß es nicht. Historische Gründe vielleicht.
Es sei denn, sie sind außerhalb vom Großbereich Hamburg. Da können sie dann wieder Einzelfahrscheine für eine oder zwei Zonen kaufen, wenn sie wollen.
Mmmm. … ok. Weiter mit meinem Liebling, den Zahlgrenzen.

zu 1.3 Zahlgrenzen

Die Zahlgrenzen. Haben Sie auch noch nie gesehen. Die kennt niemand, insbesondere kennt sie niemand in Hamburg. Sie sind nirgendwo eingezeichnet. Ähnlich wie das Bernsteinzimmer oder Atlantis verstecken sich die Zahlgrenzen sehr gut vor der Öffentlichkeit. Es gibt nur eine einzige Karte auf der ganzen Welt, die diese Grenzen aufzeigt (abgesehen vom bereits erwähnten, handgemalten Plan im Büro des HVV). Ein speziellen pdf-Netzplan mit Teilbereichsübersicht auf Nimmbus.de. Dort erahnt man diese unsichtbaren Grenzen.

Diese Zahlgrenzen sorgen dafür, das Tickets plötzlich teurer werden und sie sorgen dafür, dass sie innerhalb von 5 Gehminuten mitunter 5 verschiedene Preise für eine einfache Fahrt vorfinden.

– Kurzstrecke, Kurz, 1: eine Fahrt bis zur ersten Zahlgrenze 1,40 €
– Kurzstrecke Schnellbus: eine Fahrt bis zur ersten Zahlgrenze im SchnellBus 1,85 €
Nahbereich, Nah, 2: eine Fahrt im bis zur zweiten Zahlgrenze 1,85 €
– Zuschlag Schnellbus / 1. Klasse zu Nahbereich zum Nah, 2: im Gesamtbereich bei Einzelkarten pro Fahrt 1,70 €, ergibt dann 3,55 €.

Diese Grenzen sind sehr unterschiedlich lang innerhalb Hamburg.

Es gibt kurze Kurzstrecken. Eine kurze Kurzstrecke ist z.B. von Bahrenfeld bis Othmarschen. Hier können sie genau eine Station S-Bahn mit einem Kurzstreckenticket fahren.
Von Othmarschen hingegen können sie mit einer neuen Kurzstrecke gleich zwei Stationen weit fahren, über Klein Flottbek bis nach Hochkamp. Warum auch immer, entzieht sich jeder Logik.
Um genau zu sein, das ist vollkommen beknackt.

Ich kann mit einer Kurzstrecke von St. Pauli bis Kellinghusenstrasse fahren? Sechs Stationen U-Bahn, durch die halbe Stadt? Und anschließend, von Kellinghusenstrasse, gilt die Kurzstrecke nur noch zwei Stationen, bis Borgweg?
Grenzdebil bescheuert auch die Kurzstrecke von Veddel nach Hammerbrook, hier gilt die Kurzstrecke genau null Stationen. Die hört in der Mitte der Strecke auf. Es gibt keine Kurzstrecke zwischen den beiden Stationen.

Wer denkt sich so etwas aus? Soll das ein Witz sein? Lieber ÖPNV-Gott. Bitte wirf eine Portion Berlin auf Hamburg.

Aber das war noch nicht alles. Zu den desatrös kaputten Zahlgrenzen kommen noch die fünf Ringe. Wobei die Ringe gar nicht so schlecht sind, kopieren sie doch das A-B Prinzip aus Berlin.

zu 1.4 fünf Ringe

Die Ringe kann man, wie die HVV Tarifzonen, auf einigen Tarifplänen beim HVV sehen. In Hamburg sind, wie in Berlin, eigentlich nur die Ringe A und B relevant. Die Ringe C-E sind außerhalb der Stadt.
Ein Ticket, das über/durch drei Ringe fährt ist teurer (4,70 €) als das Ticket, dass nur durch zwei Ringe fährt 2,85 €. Ein Ticket für nur einen Ring gibt es aber nicht, versteht zwar niemand, ist aber so.
Das ist das normale Ticket für Hamburg. Lustigerweise gibt es das auch gleich doppelt.
– Sie können 1-2 Ringe am Automaten kaufen oder
– den Großbereich Hamburg, ebenfalls zwei Ringe, beide für 2,85 €
Wenn es weiter raus geht, z.B. in den Wildpark Schwarze Berge mit einem Teilstück Schnellbus, tja, dann wird es wieder kompliziert, aber generell kapiert man die Ringe irgendwann, immerhin kann man sie auf der Karte sehen.

Wenn Sie auf Nummer sicher gehen wollen, egal wohin in Hamburg: Drücken Sie die 3 auf dem Automaten. Die 3 ist 1-2 Ringe/Großbereich Hamburg. Damit sind sie meistens auf der sicheren Seite. Berücksichtigt dieses Ticket doch das hoch komplexe, mögliche Umsteigen auf eine Hafen-Fähre, dass ich hier bewusst weg lasse.

Fortschrittliche HVV Nutzer wagen sich erst nach Jahren auch an Geheimtipps wie den
– Kind Großbereich oder 1-2 Ringe (6-14 Jahre)
– Fahrradkarte
– Ganztageskarte (wieder in allen Ringvarianten)
– 9-Uhr-Tageskarte (ebenfalls in allen Ringvarianten)

Ich selbst zahle jeden Monat 77 € für eine Monatskarte für den Großbereich und ich fahre gerne mit der Bahn. Jeden Tag. Immer wieder.

Aber ich verstehe nicht, wie man so einen komplexe Scheiß bauen kann. Kein Tourist versteht das, keine Oma, kein Gelegenheitsfahrer. Völliger Mist. Ich würde mich sehr freuen, wenn das alles komplett in den Müll fliegt und Eins zu Eins aus Berlin übernommen wird. Zwei Zonen. Fertig. Kein Zuschlag für unfreundliche und langsame pseudo Erste Klasse Busse, keine Zahlgrenzen, alles weg, weg damit. Braucht kein Mensch.
Danke.

Ich brauche jetzt einen Schnaps, ich habe eindeutig zu viel in den Tarifen gelesen, das schlägt auf’s Gemüt.

Danke an nimmbus.de und bahninfo-forum.de

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  • Link(s) vom 29. März 2012 » e13.de

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