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Klage gegen Kindergarten Lärm in Hamburg

Klagen gegen Lärm einer Kita sind eine dieser Sachen, die ich nicht wirklich verstehe. Es ist ein Drama, in Hamburg und anderswo. Besonders realitätsfern ist dieser aktuelle Fall:

Update am Ende des Artikels zur Wohnlage der Kläger.
Es wird immer faszinierender!

Scene of Crime

Foto: Scene of Crime by Mike’s…Seat related tales with Some rights reserved

Das Kindertagesheim St. Marien in Hamburg-St. Georg wird von Nachbarn verklagt. Eigentümer der an das „Gärtchen“ der Einrichtung grenzenden Wohnungen fühlen sich durch „Lärm und Staubemissionen“ belästigt, wie das „Hamburger Abendblatt“ berichtet

Quelle: nwzonline.de – Lärm in Kita: Nachbarn klagen

Der Witz an dieser Sache ist, dass in diesem Haus bereits seit 150 Jahren Kinder betreut werden. Für alle, die nicht rechnen wollen: Bereits seit 1862 sind dort Kinder unterwegs.

Um es zu verdeutlichen: Im Jahr 1862 war der Amerikanischen Bürgerkrieg, Lincoln erklärte die Sklaverei für aufgehoben, wurde Otto von Bismarck zum preußischen Ministerpräsidenten ernannt, Gustav Klimt wurde geboren, Hamburg hatte damals nur 179.000 Einwohner und Napoleon III war noch Kaiser der Franzosen. 1862 wurde die Sioux-Indianer in einem letzten, großen Gefecht besiegt. Ja, richtig gelesen, damals gab es noch Cowboy und Indianer in echt und nicht nur als Kinderspiel.

Kurz: Es gibt schon seit einer verdammt langen Zeit Kinder in diesem Haus.

In dem Gebäude, in dem die Kita ist, werden nämlich seit immerhin 150 Jahren Kinder betreut. Da ziehen also tatsächlich Menschen hin, direkt daneben, und stellen dann überrascht fest: Oh, die Kinder da, die machen ja Geräusche! Gleich mal klagen.

Quelle: herzdamengeschichten – Immer fröhlich losgeklagt

Das finde nicht nur ich erstaunlich.

ich möchte Ihnen hier mit meine umfassende Verachtung mitteilen und Sie darauf hinweisen, dass Ihr Karmakonto wohl den Tiefstand des Marianengrabens erreicht hat.
Vor ein paar Jahren haben ein paar von Ihnen versucht, die Kita meiner Kinder wegzuklagen, derzeit stören sich ein paar andere aus Ihrem Team an Kinderlärm und Sandstaubentwicklung in St. Georg.

Quelle: journelle.de – Offener Brief ähm Rant

Wenn ich folgendes lese, frage ich mich, ob die Kläger (es sind 23 Kläger) sich eventuell den falschen Stadtteil in Hamburg ausgesucht haben:

St. Georg. Der Name steht für Toleranz, für Lebensfreude und bunte Straßenfeste. Schrill und laut geht es hier in St. Georg zu. Auch Kinder sind gern gesehen. Meistens jedenfalls. Solange sie nicht zu laut sind. Jetzt ist ein Nachbarschaftskonflikt eskaliert. Die Kontrahenten: eine Wohnungseigentümergemeinschaft und die katholische Kirche. Die Eigentümer im Gebäudeensemble mit idyllischem Innenhof an der Langen Reihe haben durch Rechtsanwalt Helmut Voigtland Klage (Aktenzeichen: 303 O 313/12) beim Landgericht Hamburg gegen die Domgemeinde St. Marien eingereicht.

Quelle: abendblatt.de – Nachbarn verklagen christliche Kindertagesstätte (wenn der Artikel nicht lesbar ist, bitte über Google news suchen, dann geht das)

Die Kläger wohnen also in St. Georg.
Für alle, die nicht aus Hamburg, sondern vom Dorf kommen: Das ist mit der lauteste, dreckigste, durchgedrehteste und schrillste Stadtteil in Hamburg. In St. Georg findet sich jede Menge Schmiere, die das Achsrad der Stadt am Laufen hält. Rotlicht- und Blaulicht im Wechsel, auf engstem Raum, Reich und Arm, Deutsch und drölfhundert andere Nationalitäten, eine Art Berlin Kreuzberg in klein.
Wenn sie wissen wollen, wie St. Georg ist, lesen sie das da: Szenen aus Sankt Georg

Da ziehen also Menschen nach St. Georg und stellen irgendwann fest, dass es dort laut ist? Ähm, Hallo?

Für die Politik ist das natürlich ein gefundenes Fressen.

„Wer in die Nähe einer Kita und Schule zieht, weiß, worauf er sich einlässt, und kann nicht Friedhofsruhe wie in Ohlsdorf erwarten. Dieser Mangel an Toleranz der Zugezogenen macht den weltoffenen Stadtteil St. Georg kaputt“, sagte Grünen-Fraktionschef Michael Osterburg. Auch CDU-Familienexperte Christoph de Vries äußerte Kritik: „Es ist nur schwer nachvollziehbar, dass ausgerechnet in einem so toleranten Stadtteil mit Menschen unterschiedlichster Herkunft und Lebensstile kindertypische Geräusche nicht auszuhalten sind.“

Quelle: Politik empört über Lärmklage gegen die Dom-Kita

Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, warum jemand wie Helmut Voigtland (Video) die Eigentümer in dieser Sache vertritt.

Voigtland ist nicht nur Jurist mit Kanzlei an der Langen Reihe, sondern auch seit Jahrzehnten Vorsitzender des Bürgervereins St. Georg und ausgesprochen engagiert im Stadtteil. So ganz wohl scheint ihm bei der Klage nicht zu sein. … Auf der jüngsten Eigentümerversammlung wurde die Klage mit 23 Stimmen beschlossen. Vier Stimmen gab es dagegen und acht Enthaltungen.

Quelle: Abendblatt.de – Nachbarn verklagen christliche Kindertagesstätte

35 Eigentümer. 23 stimmen für eine Klage, acht enthalten sich und nur vier Eigentümer haben die Eier in der Hose Courage und stimmen dagegen.

Ich bin gespannt, ob die Gesetzesänderung in § 22 BImSchG hier greift. Eigentlich sollten solche Klage überhaupt nicht mehr funktionieren. Zumindest nicht im Bezug auf Lärm. Wahrscheinlich ist deswegen in der aktuellen Klage die Rede von Staub. Staub ist kein Lärm, da haben die Juristen etwas zum abarbeiten.

(1a) Geräuscheinwirkungen, die von Kindertageseinrichtungen, Kinderspielplätzen und ähnlichen Einrichtungen wie beispielsweise Ballspielplätzen durch Kinder hervorgerufen werden, sind im Regelfall keine schädliche Umwelteinwirkung. Bei der Beurteilung der Geräuscheinwirkungen dürfen Immissionsgrenz- und -richtwerte nicht herangezogen werden.

Quelle: Mietminderung wegen Lärm: Beachten Sie die Änderungen des BImSchG

Allerdings gibt es dieses spannende Detail:

Da sich das Gesetz nur auf Kinder, also auf unter 14- Jährige bezieht, erfasst § 22 Abs. 1a BImSchG keine Spiel- und Bolzplätze, Skateranlagen und Streetballfelder für Jugendliche. Ebenso fallen Jugendzentren für Jugendliche nicht unter § 22 Abs. 1a BImSchG.

Quelle: Mietminderung wegen Lärm: Beachten Sie die Änderungen des BImSchG

Es ist ein Drama.

Kinder sind laut, klar, gar keine Frage.
Aber in diesem besonderen Fall, mitten in St. Georg, ernsthaft überhaupt irgendjemanden wegen „Lärm“ und „Dreck“ zu verklagen ist so realitätsfern, das kann man sich gar nicht ausdenken sowas.

Ich bin nicht wütend, ich finde das nur maximal bescheuert.

kiki hat recht, wenn sie sagt:

Klage mit geringem Aussicht auf Erfolg: mehrere 1.000 €.
10er Packung Ohrstöpsel: 4,77 €
Kein Arschloch sein: Unbezahlbar.

Quelle: e13.de – Kinder als Lärmbelästigung

Update.

Das wird immer besser. Aus der Welt habe ich die Adresse der Kläger. Die wohnen in der Langen Reihe 82. Für alle, die nicht aus Hamburg kommen: Viel lauter kann man kaum wohnen. Die Lange Reihe ist einer der Schmelztiegel in St. Georg.
Ich dachte zuerst an einen Tippfehler der Welt, aber Freunde bestätigen die Adresse.

Der eigentliche Witz kommt aber noch. Die Kläger gegen die Kita wohnen in diesem verpixelten Haus:

screenshot Kita Kläger

Quelle: Google Maps. Eingekringelt die relevanten Häuser. Die Kita und die Anderen.

Deren Eingang ist direkt neben dem Grünberg. Da sitzen, sobald ein Sonnenstrahl vorhanden ist, hunderte Leute auf der Strasse. Direkt auf der Langen Reihe. Wie kann man dort wohnen und erwarten, dass es ruhig ist? Da sind Kneipen, direkt vor der Haustür.

Was geht in solchen Leuten vor, die direkt zwischen zwei Kneipen und eine Schule ziehen, die seit der Zeit des Amerikanischen Bürgerkriegs Kinder beherbergt? Was ist mit den Leuten los, die dorthinziehen und dann wegen Lärm klagen? Ernsthaft, ich verstehe das nicht.

In dem nicht öffentlich sichtbaren Teil meines Internet ist die Rede von Senioren, die dort wohnen und klagen. Ist das die Zukunft? Generell zu wenige Kindergartenplätze, die dann von Senioren weggeklagt werden? Ich kann und will das gar nicht glauben. Faszinierend. Ich bin gespannt, wie das ausgeht.

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10 comments

  1. Sven says:

    Ich hoffe mal, dass die Klage keine Aussicht auf Erfolg hat. Natürlich weiß ich als Vater von Zwillingen auch, was Lärm bedeutet. Ganz bestimmt. Aber man muss doch dagegen nicht klagen. Ich bin der Meinung von e13.de, legt das Geld lieber in Ohrstöpsel an oder geht an die Alster, wenn die Kinder draußen toben. Schön weit raus… damit man euer Gebrubbel nich hören muss.

  2. Stefan says:

    Mit der Lärmbelastung werden die nicht durchkommen, deshalb ja das mit der Staubentwicklung. In Hamburg herrscht ja bekanntlich meist Trockenheit und subtropische Hitze – da kann aus ner Sandkiste ne Menge Staub aufgewirbelt werden. Is klar.
    PS: *kratze gerade mein Mittagessen aus der Tastatur*

  3. Pedro says:

    Ja, und in St. Pauli ziehen irgendwelche reiche Spacken in einer Parallelstraße der Reeperbahn und rufen nun bei jedem Konzert im Lehmitz die Polizei an. Einfach nicht zu fassen.

  4. el-flojo says:

    Ich muss direkt mal gucken, wo meine Blutdrucktabletten sind.
    Das ist sogar noch a… als die Nummer mit den Leuten, die wegen Musik in Kneipen, die schon länger am Ort sind, die B… rufen.
    Sind die wirklich so dumm, das nicht vorher zu schnallen oder so a….., dass sie das planen?
    Eigentlich soll man Menschen ja keine f…. Krankheiten wünschen…

    Edit: einzelne Begriffe wurden editiert. Auch wenn es aufregend ist, bitte sachlich bleiben.

  5. Hans-Georg says:

    Finde ich super, dass du ein paar Einzelheiten zu der Lage bringst. Ich werde nächste Woche, wenn ich wieder arbeite, da mal selbst nachschauen gehen.
    Jedenfalls ist die Klage eine Unmöglichkeit ersten Ranges.

  6. Die Senioren sind übrigens in den Wohnungen alt geworden. Die haben wahrscheinlich jahrelang gedacht „irgendwas stimmt hier nicht“ und dann wurde ihnen schlagartig bewusst, dass es der Lärm ist. Faszinierend.

  7. Dan says:

    Lächerlich. Ich musste anfangs hart lachen, besonders als ich das Update zur Wohnlage gelesen habe. Dann ist aber schnell klar geworden, dass die Leute wohl ganz große Probleme haben. Andere Probleme. Vielleicht zu gut eingestellte Hörgeräte oder so. Man weiß es nicht.
    Verständnis will ich für solche Aktionen nicht aufbringen. Alternativ könnten sich die „23“ doch mal überlegen, wo das eigentliche Problem liegt, wenn Kitas permanent überfüllt sind.

  8. Hartmut says:

    Absurd das Ganze. Die Lange Reihe ist schon lange keine aufregende Strasse der Vielfalt mehr, was sie einmal war. Ähnlich der Kastanienallee in Berlin hat sich ihr Bild stark verändert durch wohlhabenden Zuzug. Man möchte irre tolerant und weltoffen wirken und zieht deswegen dorthin, wo ein Viertel den gewünschten Ruf hat, um es dann nach den eigenen engstirnigen Wertvorstellungen zu gestalten. In Berlin am Boxhagener Platz hat es den Flohmarkt erwischt, der aufgrund einer Klage eines Zugezogenen verkleinert werden musste. Ich gebe zu, dass mich der Kinderlärm in meinem Innenhof im Sommer total nervt. Aber dann mach ich eben das Fenster zu. Es ist richtig und gut, dass unser Haus, das aus Vorder- Hinterhaus wie Seitenflügel besteht einen kleinen Spielplatz im Hof hat. Kinder müssen spielen und toben. Mich nervt auch, dass in meiner Strasse eine Kneipe nach der nächsten aufmacht und aus der ruhigen Strasse eine Partymeile wurde. Aber Berlin ist eine Großstadt. damit muss man rechnen. Diese ganze Klagerei ist doch absurd. Interessant dabei ist auch, dass wir solche Probleme in Friedrichshain nie hatten bevor die Gentrifizierung hier Einzug gehalten hat. Wobei hier die Leute eher gegen Hundeplatz und Wagenburg klagen und auch die letzte Brachfläche noch zugebaut oder städteplanerisch umgestaltet wird.
    In Hamburg wird ja St. Pauli auch gerade sehr hip, die Mieten steigen ins unermessliche, sozial Schwache werden mit viel Geld aus ihren bestehenden Mietverträgen gelockt. Ich bin schon sehr gespannt auf die Klage, die da bevorstehen.
    Zum Schluss noch der Hinweis darauf, dass solche Klagen seit letztem jahr eigentlich keine Erfolgsaussichten mehr haben. Kinderlärm steht gesetzlich unter einem besonderen Schutz:
    http://www.bmu.de/laermschutz/doc/47439.php

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