Nichts-löschen oder: was an YouTube nervt

Ich bin ein Anhänger der „Nichts-löschen“ Fraktion.

Meine Familie, meine Kollegen und einige andere nicht-digitalen Freunde werden von mir regelmässig genervt, wenn ich aushole und deutlich mache, dass Inhalte, die einmal im Netz (oder auf der eigenen Festplatte) stehen, doch bitte dort zu verweilen haben, egal, ob man selbst der Ansicht ist, das die Inhalte keine Relevanz mehr haben (das ist die ultrakurz Version, ich weiß, dass das unvollständig ist).

Ich bin nicht Gott, daher maße ich mir nicht an, zu wissen, was im Internet für wen irgendwann einmal Relevanz haben könnte und besonders, warum man das digitale Gedächtnis der Welt nicht einfach weglöscht. Man verbrennt ja auch nicht täglich Bücher und Zeitungen, nur weil man sie ausgelesen hat.

delete
Foto: delete von TheTruthAbout

Speicherplatz ist so billig wie nie und es gibt keinen logischen Grund Inhalte aus dem Netz zu löschen. Ich bin jedesmal fasziniert, wenn Bekannte ihre alten Mails löschen um „Platz zu sparen“ oder weil man „sie nicht mehr braucht„. Das verstehe ich nicht.

Warum es nervt, wenn man trotzdem löscht, sieht man sogar an meinem kleinen, unwichtigen pillepalle Hamburg-Berlin Blog.

Seit über sechs Jahren schreibe ich über Hamburg und Berlin. Selbstverständlich veröffentliche ich regelmässig Videos in Artikel. Das geht schnell, macht keine Arbeit und wird geklickt wie sonstwas.

Seit einer Weile habe ich ein Tool, das überprüft, welche Links im Blog defekt sind. Das Ding nennt sich Broken Link Checker for WordPress (das ist ein tolles Tool, kann man sich ins Blog holen). Seit kurzem prüft dieses Tool auch, ob die in Artikeln eingebundenen YouTube-Videos noch verfügbar und online sind.

Und wisst ihr was? Das ist ein Drama. Ein einziger Friedhof. Ein riesige BücherVideoverbrennung. Hunderte Videos über Hamburg und Berlin verschwinden aus YouTube. Selbst Katzenvideos verschinden im digitalen Nivana.

So sieht das dann jeden Tag aus:

Kaputte YouTube Videos, gefunden vom Brokenlinkchecker
screenshot kaputte YouTube Videolinks

Und das tut mir weh. ich will so etwas nicht sehen. Ich will so eine Vernichtung von Wissen (ja, auch Katzenvideos sind Information) nicht sehen und schon gar nicht in meinem eigenen Blog.

Wozu mache ich mir die Mühe und schreibe einen Artikel zu z.B. www.elbphilharmonie.de zum mitsingen, wenn das dort besprochene Video verschwindet. Das macht keine Laune und schlimmer noch, die einzige Alternative dazu ist, das ich den ganzen Kram in Zukunft kopiere.

Will man so etwas? Gibt es dafür eine Lösung? Ich schreibe nun ja nicht über irgendwelche Reizthemen, die eine Löschung rechtfertigen. Ich schreibe über zwei Städte und nicht über MP3-downloads, heisse Teens aus deiner Stadt oder den größten Ufo-Verschwörungstheorien der CIA und den 20 Beweisen, warum Hitler Elvis Lady Diana Kennedy Jim Morrison noch lebt.

Nein, bei mir ist alles harmlos und trotzdem verschwindet der Kram über den ich schreibe aus dem Netz.

Manchmal macht das alles keinen Spaß.

(und ja, dass die Major-Musiklabels (die sollen sich auch mal gehackt legen und sterben gehen) STÄNDIG Inhalte sperren lassen ist mir bewusst, aber darum geht es eigentlich gar nicht)

13 comments

  1. Jens says:

    Du sprichst mir aus der Seele. Es ist echt schmerzhaft, wenn man sei Blog von vor 10 Jahren anschaut und darin zum Teil die Links eines ganzen Monats nicht mehr funktionieren :(

  2. Christoph says:

    Es hat auch was Gutes, wenn Sachen wieder verschwinden. Wie man ab und an zu Hause ausmistet, sollten auch vermehrt Nutzer ihre Youtube-Accounts ausmisten – Qualität und Relevanz sollten dabei die Maßstäbe sein.

    Für einen selbst wichtige Sachen könnte man in Absprache mit dem Urheber auch einfach selbst hosten.

  3. Enno says:

    Im Prinzip stimme ich dir zu, möchte aber eine Grenze ziehen. Wenn jemand von mir ohne meine Zustimmung ein Video macht und veröffentlich, verlange ich ein Recht auf Depublizieren. Nein, natürlich nicht, wenn ich zufällig im Hintergrund stehe oder sowas. Wenn ich nicht will, dass bestimmte Bilder von mir nicht an die Öffentlichkeit gelangen, dann will ich das nicht. Basta.

  4. Sven says:

    @Enno
    Ja klar, darum geht es mir auch gar nicht. Das geltende Recht hinterfrage ich hier gar nicht, mich stört, dass Inhalte, die legal, also ganz normal irgendwann online waren wieder verchwinden.

    Ganz simpel gedacht und bewusst nicht im Bezug auf „Recht am eigenen Bild“ und dem ganzen Bla.

  5. Marco says:

    Vergessen zu können ist eine grundlegende Fähigkeit für die geistige Gesundheit eines jeden Lebewesens. Relevantes von irrelevanten unterscheiden und einordnen, Inhalte langfristig und kurzfristig abspeichern zu können, all das sind Fähigkeiten, die wir natürlicherweise beherrschen müssen, sonst ermüdet der Körper, überarbeitet der Geist und man dreht durch.

    Klar, Internet, Digitale Welt, alles Maschinen worüber wir hier reden. Aber auch hier gibt es einen overkill, auch hier kann es ein „zu viel“ geben.

    Darüber hinaus muss ich sagen, dass ich täglich meine Tageszeitung entsorge, nachdem ich sie gelesen habe. Ich tue das sogar, wenn ich sie mal nicht lesen konnte. Auch Magazine und Zeitschriften entsorge ich, wenn auch nach etwas längerer Zeit, als Tageszeitungen (Stichwort: Aktualität).
    Es gibt durchaus Interessensverbände, die Zeitungen nicht einfach entsorgen, sondern sich Ihrer Archivierung widmen (Verlage, Journalistenverbände, etc.). Vielleicht sollte es zur Lösung dieses Problems auch einen Verband zur Archivierung von Inhalten im Internet geben. Und was müsste dieser tun? Nun ja, mit der Frage nach Relevanz anzufangen, wäre ein denkbarer Startpunkt. Aber die wurde ja hier schon disqualifiziert…

    • Es geht nicht um den digitalen Radiergummi, es geht um den digitalen Bücher- oder Holzwurm, der langsam die Geschichte wegfrisst.

      Wenn ich eine Zeitung wegwerfe, ist sie an anderer Stelle weiterhin zugänglich. Die Entscheidung betrifft nur mich alleine und hat keinen Einfluss auf andere.

      Wenn ich, z.B. ein Video aus YouZube lösche, weil ich denke, dass das niemanden mehr interessiert, hat das unmittelbar Einfluss auf andere.

      Es geht mir, wie gesagt, nicht um Fotos auf Facebook oder ähliche Privatsphärenthemen, die regelmässig von der hilflosen Politik und ahnungslosen Medien aufgegriffen wird.

      Wenn ich einen Artikel schreibe, ist das alles rechtskonform.
      Ich blogge niemals geklauten Videos.
      Ich nutze nur eigene oder Bilder mit CC-Lizenz.
      Ich verlinke nur auf explizit angegebene PERMAlinks auf Zeitungswebseiten.
      Ich setze sogar noch Trackbacks in andere Blogs.
      Ich greife Themen aus dem Lokalteil auf und setzte Deeplinks in Onlineangebote des Lokaljournalismus.
      Ich wühle mich durch Statistiken und Pressemitteilungen verschiedener Ministerien und Behörden und nutze deren Puplikationen.
      Ich frage im Zweifelsfall lieber mehr als einmal nach, ob ich die gezeigten Inhalte bloggen kann.

      Ich mache es richtig und trotzdem lösen sich meine Geschichten in Luft auf. They fade away.

      Die alten Artikel in meinem oder anderen Blogs haben etwas von ‚der unendlichen Geschichte‘.
      Sie verschwinden, ohne das ich etwas machen kann, im großen Nichts.

      Das ist das Problem und je mehr ich darüber nachdenke, desto dramatischer finde ich es.

      Die aktuellen Debatten um eure Fotos oder anderen Pillepalle-Stuss auf Facebook berührt das überhaupt nicht.

  6. Sancho says:

    Ich gebe dir recht. Es ist manchmal auch recht schwierig, selbst relativ aktuelle Themen mit Material zu versorgen, das gestern noch da war. (ich verweise z.B. auf die Website der FDP im Zusammenhang mit de Metzner-Affäre). Weg ist weg, und es war auch nie da, so stellt sich das dar.

    Um auf einen von Dir im Nebensatz erwähnten Nebenaspekt einzugehen: die Pillepalle-Fotos und Privatgeschichten bei Facebook und Co, die man heute gern mit großem Aufwand aus dem Internet tilgen möchte, stellen in meinen Augen nicht wirklich ein Problem dar. Klar gibt es das Beispiel der Nacktbilder, die man nicht unbedingt dem neuen Chef präsentieren möchte, aber ich denke, auch Personalchefs wissen um die Trennung zwischen Privatsphäre und Geschäftlichem und können sehr wohl damit umgehen. Und es gibt auch konkrete Beispiele, wo peinliche Dinge nicht verschwunden sind und der Betroffene durchaus zu Ansehen und Respekt gekommen ist, siehe Sibel Kekilli mit ihrer achtbaren Wandlung vom Pornostar zur Charakterdarstellerin.

  7. Ring2 says:

    Ich fürchte das wirst Du einfach ertragen müssen, wenn der Urheber seinen Inhalt der Öffentlichkeit entzieht. Das ist ein wichtiges Recht, gegen das Deine Unannehmlichkeit witzig wirkt.

    Ein Glück geht das bei Youtube nahezu zentral.

  8. Versteh das sehr gut!

    Müsste es nicht ganz einfach sein ein Tool zu entwickeln,dass auf einen Klick Webseiten + deren verlinkte Inhalte, so wie sie am Tag der Herstellung Online gehen,spiegeln und somit konservieren. (Ein-Klick-Backup)

    So etwas gibt es doch bestimmt schon!

    Kunst und Informationen sollten immer auf Spendenbasis entstehen und somit unbegrenzt frei zugänglich sein!

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