S-Bahn Hamburg vs. Berlin Ausgabe 1-2011

In diesem langen Artikel rege ich mich über die S-Bahn in Berlin auf.

In Berlin versagt die S-Bahn zur Zeit mal wieder komplett. Es gibt etliche lesenswerte Artikel dazu. Einige der aufbrausenden Meinungen versammeln sich hier zum S-Bahn Hamburg vs. Berlin Vergleich.

Der Schockwellenreiter schreibt:

… Wann wird dem letzten dummen Politiker und der letzten dummen Politikerin (ja, Frau Künast, ich meine auch Sie und ihre grün getünchten Neoliberalen) endlich klar, daß die Privatisierung die Ursache der Probleme ist und man diese nicht durch weitere Privatisierung (Ausschrei­bung) wieder beseitigen kann. Die S-Bahn braucht keine Konkurrenz, sondern öffentlicher Personennahverkehr ist eine öffentliche Aufgabe und gehört somit in staat­liche Hand …

Quelle: schockwellenreiter.de – Berliner S-Bahn-Chaos

Es schmerzt, diesen Artikel zu lesen. Eine selbsternannte Weltstadt verliert ihre Mobilität und es wird von Freifahrten am Wochenende gesprochen. Der Senat will, kann aber nichts machen. Die Damen und Herren können nur zusehen wie die S-Bahn vor die Hunde geht. Vier Strecken wurden nicht bedient. Das ist ein riesen Drama für die Leute die dort wohnen. Da kann man mit Freifahrten am Wochenende echt nach Hause gehen.

… brachte die S-Bahn nur knapp die Hälfte der Züge auf die Schiene, die laut Vertrag mit dem Land fahren sollen. Vier Strecken am Stadtrand, etwa nach Spandau und Wartenberg, wurden gar nicht bedient …

Quelle: Berliner-Zeitung: Rot-roter Senat droht der S-Bahn

Der Witz ist schliesslich, dass die Bahn einen Vertrag bis 2017 hat. Die Berliner werden noch mindestens fünf Jahre lang Spaß mit der S-Bahn haben.

… Einig ist sich die Opposition darin, dass die S-Bahn für die Zeit nach 2017 Konkurrenz bekommen muss. Jan Eder, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK), bezeichnete die S-Bahn als „echtes Standortproblem“ …

Quelle: tagesspiegel.de – Berliner S-Bahn-Kunden flüchten zur BVG

Ganz groß der Tagesspiegel auch in diesem Artikel, da kann man groß zitieren:

… Und die Politik dieser Stadt, der Hauptstadt Deutschlands, Touristenmagnet, Millionenmetropole? Sie kapitulierte gleich mit, vor schlechten Verträgen, die sie selbst verhandelt hat, vor technischen Problemen, die sie nicht versteht, vor der Bahn, deren Entscheidungswege ihr zu verschlungen sind, vor der Bundesregierung, deren unzuständige Zuständigkeit sie irritiert. Sie haben geprüft, gedroht, geschmeichelt und gefordert, die Senatoren und Bürgermeister, die Verkehrsexperten der Fraktionen, die Sprecher der Oppositionsparteien, immer wieder, seit die Notfahrpläne zum Normalzustand wurden. Sie ließen sich vertrösten, glaubten noch im Oktober an die Versicherung der S-Bahn: alles bestens, genug Leute im Einsatz, die Werkstätten vorbereitet. Eine Lüge, die hunderttausenden Menschen jetzt eiskalt die Beine hochzieht

Quelle: tagesspiegel.de – Die toten Gleise von Berlin

Inzwischen wird ernsthaft ein 10 Minuten-Takt als Verbesserung angesehen.

… Nur durch die milderen Temperaturen in dieser Woche konnte die S-Bahn den Rückstau in ihren Werkstätten etwas abbauen, doch das Angebot hat sich für die Fahrgäste nur geringfügig verbessert. Auf einigen Strecken wurde ein 10-Minuten-Takt eingerichtet …

Quelle: Berliner Zeitung – Mängel, wohin man schaut

Seit fast zwei Jahren versagt die S-Bahn und bietet nur eingeschränkten Service an. Fast zwei Jahre im Dauer-Notfahrplan. Das muss man sich mal vorstellen. Jetzt liegt der Fehler plötzlich in der Hardware der S-Bahn. 100 Jahre lang fuhr sie, aber die modernen Wagen sind scheinbar solch ein Dreck, dass sie erstmal für Milliarden Euro ausgetauscht werden müssen. Schade, dass man die alten Wagen der DDR verkaufte, die wären jetzt die Rettung. Als ob Berlin nicht schon genug Sorgen hätte, nein, jetzt muss man für zwei Milliarden auch noch eine neue S-Bahn kaufen die dann der Bahn gehört, die sie an die S-Bahn vermietet, die dann nicht fährt und Parkgebühr an die Bahn zahlt … Merkste was?

… Seit rund 20 Monaten bietet die S-Bahn in der Bundeshauptstadt nur einen eingeschränkten Betrieb an. Zusätzlich kämpft das Tochterunternehmen der DB den zweiten Winter in Folge mit der Witterung. „Wir sind uns einig geworden, dass die derzeitigen Maßnahmen in der Wartung und Erneuerung der bestehenden S-Bahnen in Berlin nicht ausreichen, um die Probleme dauerhaft zu lösen“, sagte Scheurle …

Quelle: Berliner Zeitung – Neue S-Bahn-Flotte für Berlin

Den Fehler an sich und den Kern des Problems bringt Staatssekretärin Ingeborg Junge-Reyer, Senatorin für Stadtentwicklung, auf den Punkt. Damit widerspricht sie sich selbst, Berlin braucht keine Mitbewerber, Berlin braucht einen funktionierenden ÖPNV. Kauft den Kram zurück, als Plan B.

… Mehr geht nicht. Wir sind nicht Eigentümer der S-Bahn, sondern Kunde

Quelle: Berliner Zeitung – „Die S-Bahn braucht Konkurrenz“

Inzwischen ist man also mehr als bemüht, die Stadt, bzw. die S-Bahn wieder in Gang zu bringen. In all den Texten über die Fehler, Maken und Kaputtheiten der S-Bahn viel mir, als Elektriker, ein Detail auf:

… Austausch von Achsen und Radscheiben, die sich als brüchig erwiesen haben, laufe noch das ganze Jahr über. Auch der Motorenausfall durch Verschleiß, laut Kunst ein relativ neues Problem, werde sukzessive kompensiert. Bereits jetzt sind 280 Motoren ausgetauscht, weitere Ersatzmotoren sind bestellt …

Quelle: Berliner Zeitung – Normalbetrieb nicht vor 2012

Dazu mus sich meine Meinung da lassen. Ein Elektromotor ist ein relativ zuverlässiges Bauteil in einer Anlage. Der geht nicht kaputt. Vor allem geht der nicht in großer Stückzahl kaputt. Ihr habt doch sicherlich alle einen Mixer oder Handrührgerät zu Hause, oder? Den habt ihr noch von Oma? Siehste! So ein Teil geht in der Regel nicht einfach so kaputt (ja, ich weiß sehr genau das der Vergleich hinkt, Danke!). Aber komischerweise sind bei der S-Bahn 280 Motoren (andere schreiben von 1000 Motoren, siehe Berliner S-Bahn – aus dem Chaos wird ein Desaster mit sehr, sehr vielen Kommentaren dazu) ausgetauscht und es müssen noch weitere getauscht werden.

Liebe Presse: Das ist eine andere Hausnummer als eingefrorener Bremssand. Ein Elektro-Motor geht nicht einfach so kaputt. Das ist so ein Kruppstahl Ding, die älteren erinnern sich vielleicht. Das hält, das läuft, das passt, das klappt schon, das geht nicht kaputt. Der Motor ist das grundlegendste Teil in der Bahn. Ohne Motor macht die Bahn nicht viel Sinn und Berlin hat eine sehr lange und eigentlich gute Geschichte mit Elektromotoren, immerhin hat Werner von Siemens die Dynamomaschine erfunden, das war 1866.

Eine Erfindung von 1866. Ein erprobtes Prinzip. Eine Maschine, die in eurer Küche seit Jahrzenten ohne Problem funktioniert. Und was macht die privatisierte Bahn daraus?

… Die Bahn sprach von konstruktionsbedingten Antriebsstörungen bei der Baureihe 481. Flugschnee und Kondenswasser würden zu Motordefekten führen. „Die Motoren saugen Flugschnee an, da gibt es keine Lösung“, sagte ein Bahnsprecher …

Quelle: handelsblatt.com – Berliner S-Bahn gehen die Züge aus

Was für ein FAIL. Unfassbar. Das ist Versagen jenseits von allem, das kann ich gar nicht beschrieben. Im Jahr 2011 fahren in Berlin Bahnen durch die Gegend, bei denen einfacher Schnee zu einem Kurzschluss im Motor führt? WTF? Wie kann das sein?

Aber ich weiß schon woran das liegt. An der Deutschen Bahn, bzw. am Privatisierungsdruck. Bombardier sagt dazu:

… „Die Züge hatten nachweislich über Jahre hinweg eine Verfügbarkeit von mehr als 98 Prozent.“ Die Probleme begannen erst, als die Bahn die Wartung übernahm …

Quelle: Berliner Zeitung – Ein Flirt für Berlin

Das wirft natürlich ein ganz anderes Licht auf die Wartung. Der eingefrorene Bremssand, ja mein Gott, passiert halt. Aber ein flächendeckender Ausfall der Motoren? Das ist etwas GANZ ANDERES. Ein flächendeckender Ausfall der Turbine im Flugzeug ist vom Bauchgefühl her vergleichbar. Versteht man, warum ich das so unglaublich finde? Am Flugzeug checkt und prüft man sich nen Ast an der Turbine. Normalerweise macht man das mit einem Motor in der Bahn auch. Der geht dann eben nicht in der Fläche kaputt sondern läuft.

Man man man. Kauft den Kram zurück und bestimmt selbst, was die S-Bahn macht. Das ist so peinlich für eine selbst ernannte Weltstadt …

Die Bahnen von Bombardier fahren doch auch in anderen Städten, haben die auch solche Probleme?

Und was macht Hamburg?
Hier gehört die S-Bahn auch der Deutschen Bahn, aber hier fährt die Bahn, sogar im Winter. Komisch eigentlich. Darüber liest man gar nichts.

Falls es der Plan war, für zwei Milliarden neue Bahnen zu verkaufen und uns glauben zu lassen, dass die Hardware der Bahnen unverbesserlich ist – gratuliere, das hat funktioniert. Die Presse glaubt euch.

Das gibt zwei Milliarden Punkte für Hamburg.

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