Eine Woche in Berlin – Nachlese

Ich sitze im Monbijou Park, in Mitte, mit einem Kaffee in der Hand und lasse die letzten sieben Tage Web 2.0 Expo & Barcamp Berlin sacken. Es war eine aufregende Berlinerwebweek (gratulation an Berlin Partners für diese Idee).

Jede Menge Internetfuzzies aus der ganzen Welt waren in Berlin, haben sich vernetzt, ausgetauscht, kritisiert und konnten spannende, teilweise doch sehr gute Vorträge und Sessions genießen. Ich bin begeistert von meiner persönlichen Berliner Web Week. Ich habe jede Menge sehr nette Leute kennen gelernt und ein paar wirklich gute Vorträge gehört. Wissen und Lernen ist einfach geiler Scheiss, da steht ich drauf. Passend dazu war ich diesmal als Privatperson unterwegs, abgesehen vom Twittern für politik-Digital. Da ich aber sowieso bei solchen Events twittere, passte das ganz gut.

Ich hatte zauberhafte Gastgeber. Sie liehen mir ihr Sofa für eine Woche, im Gegenzug spielte ich morgens manchmal Bauernhof mit der vierjährigen Tochter. Das führte zu Konflikten bei solchen „jede Menge Freibier für alle Internetfuzzies“ Events, stelle ich nach nur drei Stunden Schlaf die Schafe gerne mal in den falschen Zaun auf dem Bauernhof und schon gibt es großen Alarm von der Kleinen (war nicht so schlimm, wir hatten viel Spaß, besonders die Katzenvideos fand sie lustig).

Nach dieser einen Woche Internet bin ich Dankbar für meine Vita. Aus einer Agentur in ein Startup, wieder in ein Startup und jetzt in einem Konzern zu arbeiten, ändert den Blick auf sehr viele Anwendungen, Themen und die Leute, die auf solchen Konferenzen sich und ihre Themen präsentieren.

Die Tatsache, dass hier selten über Inhalte gesprochen wird, stört mich irgendwie nicht. Ich habe, im Gegensatz zu etlichen Gesprächspartnern, keine Web 2.0 Depression. Viele Menschen hier fragen sich deutlich zu selten nach dem Sinn und Unsinn ihrer Unternehmen, vieles wird gemacht, „weil es geht“. An sich ein gutes Konzept, beruht Twitter doch komplett auf diesem Ansatz. Aber vieles ist völliger Stuss. Da werden Anwendungen gebaut, die kein Mensch braucht. Ich frage mich immer, wie die Leute Geld für solchen Stuss bekommen.

Ich nenne hier keine Namen, warum auch, ich will die Arbeit, die sicherlich nicht einfach war und ist, nicht schlecht reden. Man wird eben sehen, was läuft und was im Papierkorb verschwindet.
Zurück zur Frage nach fehlenden Inhalten und passend dazu diese vollkommen bekloppte „Blogs sind tot“ Nummer der letzten Tage. Das ist natürlich totaler, so richtig schlimm großer Müll. Es gab noch nie so viele deutsche Blogs wie heute. Es ist eure Schuld, wenn ihr immer den gleich Quatsch lest in eurem Reader.

Macht mal die Augen auf, sucht kreativ und ihr werdet faszinierende Blogs und Netzwerke finden, die separat, ohne oder mit nur wenigen Anknüpfungspunkten zu den Top100 Blogs in Deutschland existieren. Es gibt riesige Muttiblognetzwerke die hier niemand auf dem Schirm hat, es gibt auf Twitter faszinierende Mini-Sphären von Schulklassen, Feuerwehrstationen und NGOs, es gibt Transenblogs mit unglaublich viel Content, der RBB Bloggt für die Abendschau und erzeugt damit sehr, sehr viele Kommentare der RBB Zuschauer und in deren Eisbär-Knut Blog kann man sich im „Thomas Dörflein ist tot“ Blogpost ansehen, das Blogs alles andere als Tot sind. Daneben gibt es natürlich noch die vielen, sehr vielen kleinen Blogs mit den berühmten Katzenbildern.

Nie waren so viele Menschen online wie jetzt, nie gab es so viele Blogs wie jetzt und trotzdem verstehe ich die Diskussion nach fehlenden Inhalten. Schon mal daran gedacht, dass sich die Teilnehmer von Barcamps und anderen Konferenzen einfach nichts mehr zu erzählen haben? Wir kennen uns, wir wissen, was wir machen, worüber wir reden und viele trauen sich nicht, in dieser „Pseudo-Bekanntschaft“ auf die Bühne zu gehen, man könnte sich ja blamieren. Spannend wäre eine Session mit jemanden aus den Transenblogs oder vom RBB, der sich um das Knutblog kümmert. Es passiert viel – so viel wie nie zuvor, wir sehen es nur nicht.

Das ist der Lauf der Dinge. Longtail und bla, da verschwindet vieles. Darum gibt es auch plötzlich die vielen Life-Feed-Flow-Friendfeed Anwendungen, die haben auch ihren Sinn – aber das nur am Rande, ich will nicht langweilen.

Eihentlich wollte ich nur sagen: Die letzten sieben Tage in Berlin war toll.

Danke für das Barcamp. Für das Essen. Für die Sessions. Für die Gespräche. Für die Web 2.0 Expo. Für die Flash-Session (mein persönliches Highlight). Für die Sessions, in denen ich den Vortrag auch hätte halten können (eine der besten Bestätigungen die es gibt). Für die vielen Geschichten. Für die amerikanischen Vorträge (die machen das echt gut). Für die vielen lustigen und anstrengenden Englisch-Akzente (zuletzt der Klassiker: wi sänk ju vor drävvelling wiz deutsche bahn).

Berlin ist und bleibt eben anders. Auch wenn ich es hier Versuche, Berlin ist einzigartig hierzulande und wird es auch bleiben. Nach diesen sieben Tagen ist es für mich gut zu wissen, dass mir die Geschichten nie, wirklich niemals ausgehen werden.

Es gibt in Berlin schlicht zu viele Geschichten.

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